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Herausgeber: Lehmer Razejunge
Verantwortlich für den Inhalt: Martin Kreckler, Lehmen

Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers und des Autors

 

1. Vorwort

"Die Herstellung einer "Raz"! Sicherlich kein einfaches Unterfangen und für Leute mit zwei linken Händen in keinster Weise geeignet, sich damit zu beschäftigen. Dennoch haben einige der "Lehmer Razejungen" dieses Thema als Winteraktion 1995/1996 und 2014/2015 ausgewählt.

Heute ist noch bekannt, dass sich in den dreißiger Jahren Eifeldörfer wie zum Beispiel Ettringen und Landkern, die hier für alle stellvertretend genannt sein sollen, mit dem Razebauen beschäf­tigt haben. Sie boten nicht nur ihre Razen, sondern auch Körbe, Birkenbesen und andere Flechtwaren in den Moselgemeinden zum Verkauf an. Damals, so erinnert sich der gebürtige Ernster Freizeit-Razenbauer Martin Klemens, hatte eine "Raz" immerhin 18 Reichsmark geko­stet. Für damalige Verhältnisse ein kleines Vermögen, lag der Taglohn doch nur bei 1,20 RM. Mit aus diesem Grund haben sich viele daran gemacht, selbst solche Arbeitsgeräte für den Ei­genbedarf anzufertigen.

Obwohl der eine oder andere Winzer aufgrund der guten Depotwirkung einer Langzeitdün­gung seiner Weinstöcke mit frischem Stallmist in keinster Weise abgeneigt wäre, erfolgt heut­zutage die Düngung der Steilhänge mit wirtschaftlicheren Methoden und neueren Arbeitstech­niken.

Mit Sicherheit gibt es hier und da andere Techniken die bei der Herstellung einer "Raz" ange­wendet worden sind. Es gibt auch viele unterschiedliche Formen die einer "Raz" auf ihren, zum Teil langen Lebensweg mitgegeben wurden. Im Grunde genommen sind sie alle Unikate gewe­sen, in denen jeder Razenbauer eigene Vorgaben, sei es in handwerklicher Art und Weise oder auch in der Formgebung umgesetzt hat. Zum Vergleich sind einige auf Bildern der Anleitung beigefügt. Wichtig erscheint es uns "Razejungen" jedoch ein Stück Lehmener Geschichte und Handwerkskunst zelebriert zu haben, ohne jedoch den Anspruch zu erheben alles richtig getan zu haben. Es gehört schon eine gehörige Portion handwerkliches Geschick und Erfahrung dazu, eine "Raz" zu bauen. Diese Fähigkeiten lassen sich nicht in ein paar Nachmittagen erwer­ben. Dennoch können wir "Razejungen" ein Teil unseres Planes als erledigt festhalten, altes "Lehmener Brauchtum" wieder zum Leben erweckt zu haben.

2. Widmung

Diese Dokumentation soll den "echten Razejungen" aus Lehmen und aus den Weindörfern an der Mosel gewidmet sein, die für kargen Lohn den Mist mit ihren Razen in die Kuhre der Steilhänge geschleppt haben.

Die heutigen Razejungen müssen für ihr Einkommen keinen Mist mehr in die Steillagen schleppen, diese Zeiten sind längst vergangen. Sie haben sich aber das Ziel gesetzt, dieses alte Lehmener Brauchtum in der Gemeinde und auch über die Ortsgrenzen Lehmens hinaus zu erhalten und zu pflegen, damit es nicht vergessen werden soll. 

3. Die benötigten Werkzeuge und Hilfsmittel

Die verwendeten Werkzeuge weisen deutlich auf die rein handarbeitlichen Tätigkeiten hin, die beim Bau einer "Raz" zu verrichten sind. Hierzu gehören Werkzeuge, die in keinem Super­markt zu finden sind. Sie stammen aus einer Zeit in der es noch keine modernen Heim­wer­kermaschinen zu kaufen gab. Dennoch sind es Arbeitsgeräte, die damals in fast keinem Haus­halt gefehlt haben, konnte man doch mit ihnen eine große Palette an benötigten Arbeitsgeräten herstellen. Seien es Reiserbesen, Körbe, Gartenrechen, Heugabeln und vieles andere mehr.

Wir haben sie wieder hervorgeholt von Dachboden, Keller und Schuppen. Zum Werkzeug ist zu sagen, dass es sich in einwandfreiem Zustand befinden muss. Besonders ist vor dem Beginn der Arbeiten der Zustand der Schneidklingen zu untersuchen. Sie müssen gegebenenfalls zuerst geschärft werden.

Für den Bau einer Raz wird folgendes Werkzeug beziehungsweise Hilfsmittel benötigt: (Für Großansicht und Beschreibung bitte aufs Bild klicken!)

Hebe
01 Hebe, auch Häb genannt

Zieheisen
02 Zieheisen

Schneid- oder Ziehbank
03 Schneid- oder Ziehbank

Kneip
04-06 Kneip

Lederunterlage
07 Lederunterlage

Holzsäge, verschiedene alte Ausführungen
08 Holzsäge

Holzbohrer
09 Holzbohrer

Holzraspel, Rundfeile
10 Holzraspel und Rundfeile

Außerdem ein Schraubstock (in der Hauptsache zum Ablösen der Schinne vom Stockanfang), ein Messer (zum Schälen und Spalten der Stöcke), Hammer und Nägel sowie Seil (zum Fixieren des Spriegels in einer Halbrundform u.v.m.)

4. Die Teile einer Raz

Beim Razebau reichen wenige Materialien aus. Es sind dies die Haselnussstöcke, auch Schindknüppel genannt, eine dickere Holzplatte und festes Gurtband.

Die Teile einer Raz

 

Bild 11

1. Bodenplatte

2. Aufsteller

3.a) Splisse (Rückenteil mit 4 Stück in Bodenplatte durchgesteckt und 2 Stück in den Zwischenräumen nach unten im Flechtwerk eingeflochtene spitzzulaufende Splisse als Füllung für´s Flechtwerk)
3.b) Splisse (Korb mit 7 Stück in Bodenplatte durchgesteckt)
3.c) Splisse "kurze" (9 Stück in den Zwischenräumen nach unten im Flechtwerk eingeflochtene spitz zulaufende Splisse als Füllung für das Flechtwerk)
3.d) Splisse "lange" (2 Stück durchlaufend aus der Bodenplatte bis zum oberen Ende)

4. Aufstellerverbinder

5.a) Spriegelhalter groß
5.b) Spriegel groß

6.a) Spriegelhalter klein
6.b) Spriegel klein

 

Aus diesen Materialien entstehen die im Folgenden aufgezählten und beschriebenen Produkte:

Haselnussstock, auch Schindknüppel genannt (Bild 12-14)
(Für Großansicht und Beschreibung bitte aufs Bild klicken!)

Querschnitt durch einen Haselnussstock Das Schlagen der Haselnussstöcke im HerbstRazejung Martin Kreckler mit ausgewählten Haselnussstöcken im Nov. 1995

 

Schinne (Bild 15-19)
(Für Großansicht und Beschreibung bitte aufs Bild klicken!)

Hermann Müller beim Lösen der Schinne. Lehmen im Nov. 1995Edmund Schmitt beim Lösen der Schinne Martin Klemens, der gebürtige Razebauer aus Ernst / Mosel, weiß genau wie es geht Lösen der Schinne beim Razennachbau 2014 Aus einem Haselnussstock können gut 3 Schinne abgelöst werden. Der restliche Stab wird als Splisse verwendet

 

Bodenplatte (Bild 20-22)
(Für Großansicht und Beschreibung bitte aufs Bild klicken!)

Zeichnung der Bodenplatte mit Darstellung der konischen Löcher Übernahme der Abmessungen auf den Rohling der Bodenplatte Rohling der Bodenplatte mit Vorbohrungen und Abmessungen

 

Spriegel mit Spriegelhalter (Bild 23+24)
(Für Großansicht und Beschreibung bitte aufs Bild klicken!)

;Vorbiegen der Spriegel und fixieren mit einem Seil umgangssprachlich "Spriejel", die beiden Spriegel mit Spriegelhalter

 

Breite Gurte (Bild 25)
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Zwei Stück als Trageriemen

 

Die Bearbeitung des Materials und Zusammenbau

(Für Großansicht und Beschreibung bitte aufs Bild klicken!)

Schinne hobeln
26 Schinne hobeln

Lagerung der Schinne
27 Lagerung der Schinne

Austeller hobeln
28 Aufsteller hobeln

Herstellung der Splisse
29 Herstellung der Splisse

Herstellung der Splisse
30 Herstellung der Splisse

Schlussbearbeitung der Splisse
31 Bearbeitung der Splisse

Herstellung des Gerüstes
32 Herstellung des Gerüstes

Herstellung des Gerüstes
33 Herstellung des Gerüstes

Herstellung des Gerüstes
34 Herstellung des Gerüstes

Herstellung des Gerüstesv
35 Herstellung des Gerüstes

Einbau des unteren Spriegels
36 Einb.d.unteren Spriegels

Abkochen der Schinne
37 Abkochen der Schinne

Lösen der Rinde
38 Lösen der Rinde

Lagerung des feuchten und  fertigen Flechtwerks
39 Lagerung des Flechtwerks

Lagerung des feuchten und  fertigen Flechtwerks
40 Lagerung des Flechtwerks

Beginn der Flechtarbeit
41 Beginn der Flechtarbeit

Einflechten der kurzen Splisse
42 Einflecht.d. kurzen Splisse

Endhöhe des Flechtwerks im Korb
43 Endhöhe des Flechtwerks

Flechten des Rückenteils
44 Flechten des Rückenteils

Einflechten der Spriegel und -halter
45 Einflecht.d. Spriegel/-halter

Einflechten der Spriegel und -halter
46 Einflecht.d. Spriegel/-halter

Obere Gurthalterung
47 Obere Gurthalterung

Untere Gurthalterung
48 Untere Gurthalterung

 

5. Die Arbeitstechniken (Herstellung der Einzelteile)

5.1 Auswahl der Haselnussstöcke im Wald

Besonderer Wert ist beim Suchen auf die Qualität der Haselnussstöcke zu achten. Mit dem Spätherbst ist die Zeit gekommen, die Haselnussstöcke zu hauen (Bild 13/14). Oft benutzt der Razebauer dazu die "Hebe" (Bild 01). Sie sollten folgende Eigenschaften aufweisen:

-gerades Wachstum
-keine Verwachsungen und Astgabelungen
-frisch (Merkmal: es sind noch Blätter in der Krone des Stockes)
-älteres Holz d. h. möglichst glatte Rinde
-gute Flexibilität
-in der Masse nicht zu dick, etwa 1-3 cm

Aufbau eines HaselnussstocksDie Zeichnung zeigt den Aufbau eines Haselnussstockes (Bild 12)

 

5.2 Die Schinne

Lösen vom Stock

Unter der Schinne versteht man den äußeren Teil des Haselnussstocks (Rinde plus Bast). Später wird nach dem Lösen der Rinde der Bast als Flechtwerk verwendet. Der ausgewählte Haselnussstock ist gerade gewachsen, ungefähr 1-3 cm dick und über 2 m lang. Er wird „abgelängt“ und handbreit vom dickeren Ende weg gemessen mit einem Messer rundherum so angeschnitten, dass dabei nur die Rinde mit dem darunterliegenden Bast erfasst wird. Der Stock wird mit diesem Ende in einen Schraubstock gespannt und gebogen bis sich die Schinne in Form eines schmalen Streifens löst. Dieser Vorgang kann mit weiteren Einkerbungen mit dem Messer unterstützt werden. Es ist der Anfang einer Schinne (Schiene). Der Stock wird dem Schraubstock entnommen und weiter über dem Knie gebogen (Bilder 15 - 19). Dabei hilft man dem Lösen der Schinne mit dem Zeigefinger nach. Er klemmt sich zwischen die Trennstelle der Schinne und Stock und wird entsprechend des Ablösevorganges nachgeführt. Es ist darauf zu achten, dass

-der Stock nicht zu arg gebogen wird. Er wird sonst brechen und ist dann mehr oder weniger wertlos
-die Schinne nicht ins darunterliegende Holz einreißt
-die Trennstelle der Schinne zum Holz auf dem Stock immer vor dem Knie verläuft, d.h. sich nicht spiralförmig um den Stock verzieht.

Auf die Beachtung des letzten Punktes wird besonders hingewiesen, denn bei falscher Vorgehensweise wird das Material unbrauchbar. Je nach Wuchs des Holzes kann eine spiralförmige Ablösung erfolgen. Diesem Zustand wird Rechnung getragen, indem der Stock in den Händen so gedreht wird, dass die Trennstelle immer vor dem Knie verläuft.

Diese Arbeit zählt zu den schwierigsten beim "Razebau". Bei ihr wird großes Geschick vorausgesetzt.

Hobeln der Schinne

Nach dem Lösen der Schinne sind diese mit der "Kneip" (Bilder 04-06) zu hobeln (Bild 26), damit

-eine glatte Oberfläche entsteht,
-der Holzanteil entfernt wird,
-sowie dickere Partien das richtige Maß erhalten.

Diese Arbeit ist notwendig, da nur der Bast biegsam ist und das Flechtwerk beim späteren Flechten nicht bricht.

Dazu wird auf den rechten Oberschenkel eine Lederunterlage (Bild 07)festgebunden. Mit der linken Hand wird der Anfang der Schinne, mit der Innenseite nach oben, auf die Lederunterlage gelegt. Auf die Schinne presst man nun die "Kneip" (Bild 04). Unter diesem Druck wird die Schinne zwischen Leder und "Kneip" hindurchgezogen. Dabei löst sich ein dünner Span so dass der Bast eine gleiche Dicke erhält. Fertig ist die Schinne wenn sich der Streifen auf ganzer Länge leicht biegen lässt, d. h. aller Holzanteil ist abgehobelt. Die Rinde bleibt vorläufig noch an der Schinne. Sie wird erst in einem späteren, separaten Arbeitsgang gelöst.

Aufrollen

Die Schinne müssen nicht sofort weiterbearbeitet werden. Sie lassen sich aufgerollt lagern (Bild 27). Erst vor dem Flechten sind diese zu wässern. Einfacher ist es jedoch den Bast direkt nach dem Kochen zu verarbeiten.

Kochen

Vor dem Flechten muss die Rinde von der Schinne gelöst werden. Dazu werden die Schinne so lange gekocht, bis sich die Rinde zusammenhängend lösen lässt. Die Rinde selbst ist für weitere Arbeiten wertlos und wird nicht mehr benötigt (Bilder 37/38/39).

Verarbeitung

Vor der Flechtarbeit sind die Schinne zu wässern. Am einfachsten ist es, wenn die abgekochten Schinne nach dem Lösen der Rinde direkt verarbeitet werden, denn so sind sie recht biegsam (Bild 40).

 

5.3 Herstellen der Aufsteller

Auswahl der Stöcke

Eine "Raz" benötigt zwei Aufsteller. Es werden runde Stöcke, mindestens 105 cm lang und etwa 2-3 cm dick, verwendet (Bild 11/Pos. 2).

Abschälen der Rinde

Wie alle anderen Teile der "Raz", werden auch die Aufsteller geschält (Bild 28). Dies ist wichtig, um dem Holzwurm keine Nahrung zu bieten, denn die Rinde zieht den Schädling an. Geschält werden die Aufsteller mit einem Zieheisen (Bild 02). Der Stock wird dazu in einer sogenannten Ziehbank (Bild 03) festgeklemmt.

Die Aufsteller werden in die Bodenplatte (Bild 11/Pos. 1) genau eingepasst. Sie bilden später das höchste Teil des "Razengerüstes". Im Gegensatz zu den Splissen, die von unten in die Bodenplatte eingebaut werden, sind die Aufsteller von oben in die Grundplatte einzupassen. Aus folgendem Grund. Um beim Entleeren allen Mist aus der "Raz" zu entfernen wird die volle "Raz" kopfüber auf den Boden aufgestoßen. Dabei muss dieser Stoß von den langen Aufstellern abgefangen und in die Bodenplatte übertragen werden. Dies geht nur dann auf Dauer ohne Beschädigung der "Raz" vonstatten, wenn der Einbau in die Bodenplatte, in konischer Form, von oben erfolgt. Ein Lösen der Verbindung zwischen Aufsteller und Bodenplatte ist somit beim Auskippen des Mistes nicht mehr möglich. (Einbau siehe Einpassarbeiten in die Bodenplatte).

 

5.4 Herstellen der Splisse

Bearbeitung der Stöcke

Für die Herstellung der Splisse benötigt man gerade, ca. 70-80 cm lange Stöcke. Verwendung finden in der Regel die Stöcke, von denen bereits im vorangegangenen Arbeitsschritt die Schinne gelöst wurden. Es können aber auch dickere Stöcke verwendet werden. Solche müssen dann gevierteilt werden. Die Stöcke werden der Länge nach gespalten. Dabei geht man folgendermaßen vor. Um eine gerade Schnittfläche zu erhalten wird der Stock mit einer Holzsäge (Bild 08) am dünnen Ende gerade abgeschnitten. Mittig davon wird ein Messer angesetzt, das vorsichtig mit einem Hammer in das Holz geschlagen wird (Bild 29). Dieser Spalt wird weitergetrieben, bis man ohne Messer die zwei Hälften mit den Händen zu fassen bekommt. Es ist darauf zu achten, dass die Trennstelle genau mittig verläuft. Vorsichtig trennt man deshalb die Hälften. Dies geschieht indem jeweils eine Hälfte des Stockes mit der Hand umfasst wird. Durch geschicktes keilen der Hände gegeneinander (Bild 30) lässt sich die Trennstelle Stück für Stück weitertreiben. Ggf. sind die Hälften nachzuarbeiten (Bild 31).  

Abschälen der Rinde und weitere vorbereitende Arbeiten

Im weiteren Arbeitsgang werden die Splisse geschält. Dies ist erforderlich, um

-die Rinde komplett zu entfernen,
-eine glatte Oberfläche zu erhalten,
-durch das Spalten verdrehte Splisse bestmöglich wieder in eine gerade Form zu richten,
-bereits jetzt vorbereitende Maßnahmen für die Aufnahme in die Bodenplatte durchzuführen.

Verdrehte Splisse sind keine Seltenheit. Oftmals ist die Trennstelle zwischen Anfang und Ende der Splisse spiralförmig verdreht. Durch geschicktes Schälen mit dem Zieheisen (Bild 02) auf der Ziehbank (Bild 03) ist dieser Missstand zum Teil ausgleichbar.

Die sogenannten langen Splisse werden später, beim Zusammenbau der "Raz", in die Bodenplatte von unten her eingeschoben. Dabei soll sich das untere Ende der Splisse konisch erweitern um einen Presssitz in der Bohrung der Bodenplatte sicherzustellen (Bild 33).

Verschiedene Längen der Splisse

Die "Raz" besteht aus einem Rückenteil und einem Korbteil. Das Razengerüst besteht aus sogenannten Splissen, die durch die Aufsteller begrenzt werden. Da das Gerüst der "Raz" aus einer Bodenplatte mit relativ kleinen Abmessungen aufgebaut wird, muss dieses, da sich der Korb nach oben hin öffnet und das Rückenteil ebenfalls nach oben breiter wird, mit weiteren einzuflechtenden, kürzeren Splissen aufgefüllt werden. Dadurch bleibt das Flechtwerk engmaschig.

In die Bodenplatte werden insgesamt 13 Splisse von unten eingebaut (Einbau siehe Einpassarbeiten in die Bodenplatte). Erst während des Flechtens werden circa 12 bis 14 "kurze" Splisse mit eingeflochten. Damit ein korrektes Flechtwerk entsteht ist dabei zu beachten, dass die Gesamtzahl der Splisse ungerade ist.

Die beim Flechten einzubauenden Splisse werden im Gegensatz zu denen die das Gerüst bilden von oben während des Flechtvorganges eingebaut. Sie sind unten anzuspitzen, um später, beim Zusammenbau der "Raz", durch das zum Teil schon vorhandene Flechtwerk, getrieben zu werden. Ihre Spitze wird vorsichtig vorangetrieben. Sie endet in der Bodenplatten-Bohrung rechts oder links neben einer in die Bodenplatte eingebauten Splisse. Dort werden sie hineingedrückt und damit verkeilt. Durch diesen Vorgang wird das Flechtwerk zusätzlich verspannt und der "Raz" wird eine hohe Stabilität und Festigkeit in der Nähe der Bodenplatte verliehen. Die Splisse werden mit der gehobelten flachen Seite zur Razeninnenseite eingebaut.

Für die sogenannten "kurze Splisse" verwendet man meist dünnere Stöcke (Einbau siehe Kapitel "Zusammenbau der Raz").

Die einzelnen Ausführungen der Splisse sind im Bild 11 wie folgt zu erkennen.

Pos. 3a: 4 Splisse von 100 cm Länge (Rückenteil)
Pos. 3b: 7 Splisse von 70 cm Länge (Korb)
Pos. 3d: 2 Splisse von 100 cm Länge (Korb)

 

5.5 Herstellen der Bodenplatte

Auswahl des Holzes

Die Bodenplatte (Bild 11/Pos. 1) muss aus einem festen Holz bestehen, es darf später beim Eintreiben der Aufsteller und Splisse nicht einreißen. Hierzu zählt hauptsächlich Eichen- und Buchenholz.

Form

Damit die Bodenplatte durch den Einpassdruck der Aufsteller und Splisse nicht einreißt, sollte das Brett mindestens 2,5 cm stark sein. Dieses soll als Rohling die Grundfläche von ca. 33 cm x 15 cm aufweisen. Auf das Brett zeichnet man die endgültige Form auf, die etwa zwischen einem Halbrund und Halboval liegt (Bild 21).

Bohren der Löcher

Auf das fertig zugeschnittene Brett werden die zu bohrenden Löcher aufgezeichnet (Zeichnung 20, Bilder 09 und 22). Wichtig ist, dass die Anzahl der Löcher ungerade oder nach Mundart "unejal" ist, um bei jedem neuen Umlauf einer Flechtrunde eine abwechselnde Richtung sicherzustellen.

Die Anzahl der zu bohrenden Löcher in die Bodenplatte ergibt sich zu insgesamt 17 Stück. Diese sind vorgesehen für 2 Aufsteller, 13 Splisse und 2 Bohrungen zum Durchschlaufen der Tragegurte. Auf die gerade Rückseite der Bodenplatte entfallen davon insgesamt 8 Löcher (4 Splisse und 2 Aufsteller und 2 Gurtdurchführungen), also die gerade Anzahl und auf die runde Korbseite 9 Bohrungen für die Splisse aufzunehmen.

Beim Bohren ist Folgendes zu beachten. Die Löcher entlang der geraden Seite der Bodenplatte, also die beim Tragen dem Rücken zugewandte Seite der "Raz", werden im rechten Winkel zur Bodenplatte gebohrt. Die Löcher die nachher den äußeren Korb der "Raz" bilden, müssen schräg nach außen verlaufen. Dass heißt, das die Platte beim Bohren entsprechend unterlegt werden muss.

Die Löcher sollten für die Aufnahme der Splisse in eine ovale Form entsprechend dem Querschnitt der Splisse aufgeraspelt werden (Bilder 10/20/32). Es ist auch möglich direkt 2 Löcher aneinander zu bohren.

Wichtig ist, dass alle Löcher konisch aufgerieben werden. Für die Aufsteller verjüngt sich der Konus von Bodenplattenoberseite zur Unterseite hin. Bei den Splissen ist dies der umgekehrte Fall.

Der Lochdurchmesser beträgt für

-die Aufsteller ca. 23 mm
-die Splisse ca. 12 mm
-die Tragegurte ca. 12 mm

 

5.6 Einpassarbeiten in die Bodenplatte

Aufsteller

Die Einpassarbeiten sind sorgfältig durchzuführen (Bild 28/32/33/34). Denn nur wenn der Konus des Aufstellers mit dem der Bodenplattenbohrung übereinstimmt, hält die Verbindung auf Dauer die Belastungen aus. Der Aufsteller ist in die Ziehbank (Bild 03) einzuspannen und das dickere Ende ist mit dem Zieheisen zu schälen, bis das der Konus passt. Nach der Bearbeitung sollten Aufsteller und Bodenplatte, allein mit der Hand zusammengefügt bereits eine feste Verbindung ergeben.

Splisse und Aufraspeln der Bohrungen

Für die Genauigkeit der Einpassarbeiten gilt hier das gleiche, wie für die Aufsteller. Zu beachten ist, das der Konus sich jedoch von der Unterseite der Bodenplatte nach oben verjüngt. Beim Aufraspeln ist dies zu beachten.

Tragegurte

Für die Befestigung Tragegurte sind zwei Bohrungen in die Bodenplatte erforderlich. Die Gurte werden von unten durch die Bohrungen geführt und mit einem keilförmigen Zapfen festgesteckt. Durch das lösbare Keilholz kann im Bedarfsfall die Länge der Gurte für den Träger der Raz schnell angepasst werden.

 

5.7 Herstellen der Spriegel und Spriegelhalter

Für die "Raz" benötigt man 2 Spriegel. Sie geben der sich nach oben öffnenden "Raz" ihre bauchige Form und dem Korb die erforderliche Festigkeit (Bild 11/Pos 5b/6b).

Auswahl des Stockes

Für die Spriegel werden geschälte Stöcke benötigt. Sie sollten eine Länge von etwa 70 cm bzw. 100 cm nicht unterschreiten und etwa 1 cm stark sein.  

Biegen der Stöcke in die endgültige Form Die Stöcke werden vorsichtig zu einem erweiterten Halbkreis bzw. in eine Hufeisenform gebogen. Dazu ist es notwendig kleine Abschnitte des Stockes vorzubiegen, damit der Stock nicht einreißt. In seiner Endposition werden sie bis zum Einbau in die Raz mit einem Seil fixiert. Nach ein paar Tagen der Trocknung der frischen Stöcke nehmen diese dann automatisch diese Form ein (Bild 23).

Anfertigen des Spriegelhalters

Der Spriegel wird mit dem Spriegelhalter verbunden (Bild 11/Pos. 5a/6a und Bild 24). Dieser wird aus einem Brett oder halb gespaltenem dickeren Stock hergestellt. Das Brett misst in der Länge rund 40 cm, in der Höhe 3 cm und 1 cm in der Dicke. Auf jeder Seite und in der Mitte des Brettes wird jeweils ein Loch gebohrt, durch das das entsprechende Spriegelende gesteckt wird. Die Spriegelhalter werden etwas länger vorgesehen. Nach dem Zusammenbau wird der Überstand auf das entsprechende Maß abgesägt. Die Befe¬stigung der Enden im Spriegelhalter kann für den späteren Zusammenbau der Raz zunächst mit Nägeln fixiert werden.

 

6. Der Zusammenbau der "Raz"

Der Zusammenbau sollte in der Reihenfolge der unten beschriebenen Tätigkeiten durchgeführt werden.

 

6.2 Gerüst

Einbau der Aufsteller in die Bodenplatte

Die Aufsteller werden in die dafür vorgesehenen Bohrungen gesteckt und mit einem Hammer etwas hineingetrieben. Dabei ist darauf zu achten, dass die Winkel zur Boden¬platte und der Aufsteller gegeneinander stimmen. In der Regel laufen die Aufsteller nach oben hin etwas auseinander (Bild 33/34).

Einbau der Splisse in die Bodenplatte

Die Splisse werden von unten in die Bodenplatte eingebaut und mit dem Hammer etwas in die Platte hineingetrieben. Erst später werden die beim Zusammenbau unterschiedliche langen Köpfe auf das gleiche Maß abgesägt (Bild 33/34).  

Anbringen der Spriegel und Spriegelhalter

Der untere kleinere Spriegel wird unter dem Gegendruck der Splisse nach unten in die Waagerechte gedrückt. Er liegt dann parallel zur Bodenplatte (Bild 36). In dieser Position wird er mit einem Seil fixiert, das zwischen dem äußeren Rand des Spriegels und der Bodenplatte gespannt wird.

Die Höhe des kleinen Spriegels über der Bodenplatte liegt zwischen 40 cm und 44 cm und die des großen Spriegels über der Bodenplatte soll rund 65 cm betragen. Eine Befestigung der Spriegel mit allen Splissen erfolgt später durch das Flechtwerk. Die Tätigkeiten werden im nächsten Kapitel beschrieben.

Später, erst zum Schluss der Flechtarbeiten, werden die noch überstehenden Bauteile auf das genaue Maß abgelängt (Bild 35, rechte Raz).

 

6.3 Flechtwerk (Bast)

Allgemeines

Das Flechtwerk unterteilt sich in die Rückenseite und in die Korbseite der Raz. Während die Rückenseite vollständig bis oben hin mit Flechtwerk verschlossen wird, ist da¬gegen die Korbseite nur im unteren Bereich damit zu schließen.

Trotz dieser Trennung wird beim Flechten Korb und Rücken nicht getrennt geflochten. D. h. es wird immer durchgehend Rücken- mit Korbteil verbunden. Dabei sollte darauf geachtet werden, dass die einzelnen Lagen immer parallel zur Bodenplatte verlaufen. Die Neigung zum schrägen abfallen der Höhe des Flechtwerks wird durch den sich öffnenden Korb verursacht.

Dem Missstand kann durch die Verwendung breiteren Bastes im Bereich der Korbrückseite und schmalen Bastes im Rückenteil entgegengewirkt werden.

Auswahl des Bastes

Bevor mit dem Flechten oder nach Mundart "gefleescht" wird, sollten die längsten Baststreifen aussortiert werden, um später damit für den Kreuzstich zur Befestigung des Spriegels zu dienen. Im Flechtwerk am Razenrücken fallen kürzere Baststücke und die damit verbundenen zusätzlichen Überlappungen nicht so sehr auf.

Überlappen der Bastenden / Flechtstreifen und Anfänge

Der Bast muss vor der Flechtarbeit ausreichend durchfeuchtet sein. Dabei wird der Umstand ausgenutzt, dass der durch die Trocknung sich zusammenziehende Bast später das Flechtwerk zusammenziehen und somit weiter verfestigen wird. Am besten, man verwendet das vom Abkochen her noch feuchte Flechtwerk (Bild 39/40).

Die Flechtarbeit beginnt am Aufsteller. Der Bast wird mit der Oberseite nach außen geflochten. In der Umgangssprache sagt man, dass der "Glanz" des feuchten Bastes außen an der "Raz" erkennbar sein soll. Der Aufsteller wird einmal komplett umwickelt, um dann wechselseitig um die anschließenden Splisse weitergeflochten zu werden (Bild 41).

Der Bast wird am Ende und seinem Anfang mit den sich anschließenden Flechtstreifen reichlich überlappt und verschlauft, damit eine feste, sich nicht lösende und somit dauerhafte Verbindung entsteht.

Einbau der kurzen Splisse korbseitig

Mit fortschreitendem Flechtwerk, etwa eine handbreite von der Bodenplatte aus gemes¬sen, werden die kurzen Splisse mit ihrer angespitzten Seite durch das Flechtwerk ent¬lang der langen Splisse in Richtung Bodenplatte getrieben (Bild 42). Dies ist erforderlich, weil durch die sich nach oben hin öffnende "Raz" der zum Flechten kurze Abstand der Splisse beibehalten werden muss. Dabei ist darauf zu achten, dass diese an den langen Splissen entlang nach unten geführt werden.

Befestigung der Spriegel

Die Spriegel (Bild 11 Pos. 5a/b) werden durch Kreuzstich des Flechtwerks mit den Splissen verbunden. Ober- und unterhalb der Spriegel kann dieses Flechtwerk auf der Korbseite durch eine Verzierung verschö¬nert werden. Dabei wird ein Wendestich bevorzugt (Bild 46). Hierbei wird von Splisse zu Splisse die Schinne um jeweils 180° gedreht.

Begonnen wird mit der Befestigung des Spriegelhalters an die Rückenseite der Raz (Bild 45).

Flechtwerk oberhalb des Korbes

Während der Razenkorb nicht komplett mit einem Flechtwerk versehen wird (Bild 43/44), ist die Rückenseite der "Raz" bis ganz oben mit Flechtwerk zu schließen (Bild 11). Zu beachten ist dabei, dass die Fläche oberhalb des Korbes so verflochten wird, dass der Glanz des Bastes (Oberseite) auf der Korbseite liegt.

Aufstellerverbinder

Die obere Querverbindung zwischen den Aufstellern bildet der Aufstellerverbinder (Bild 11/Pos. 4). Er wird durch Flechtwerk fest mit den Aufstellern verbunden.

Ablängen der Splisse Ist die Flechtarbeit abgeschlossen, werden die zu weit überstehenden Splisse auf ein glei¬ches Maß abgelängt.  

Anbringen der Tragegurte

Die Gurte werden entsprechend der Größe des Trägers so bemessen, dass die Bodenplatte der "Raz" in Höhe des Steißes liegt. Das untere Ende des Gurtes wird von unten durch die dafür vorgesehene Bohrung in der Bodenplatte nach oben hindurchgeführt. Mit einem von oben eingesteckten, konisch geschnitzten Rundholz wird es festgeklemmt, damit es nicht mehr rausrutschen kann (Bild 48). Durch diese lösbare Befestigung kann auf einfache Weise die Länge des Gurtes verändert werden und somit die "Raz" an den Träger angepasst werden. Das obere Ende des Gurtes wird durch das Flechtwerk direkt oberhalb des Spriegels hindurchgeführt und um den Spriegelverbinder herumgeführt und wieder durch das Flechtwerk zurückgeführt, verknotet oder mit einem Nagel befestigt.

 

6.4 Abschließende Arbeiten

Als letzte Arbeit steht die Konservierung der Raz an. Dabei soll die zu verwendende Lasur oder Lack hauptsächlich zum Schutz vor Holzwürmern und eindringender Nässe dienen.

 

7. Schlusswort

Alle Arbeiten sind nunmehr abgeschlossen. Die Raz kann ihrem ursprünglichem Zweck zugeführt werden, oder ist sie vielleicht, nach so viel Arbeit, viel zu schade dafür? Immerhin haben sich die ehemals anstrengenden Düngemethoden doch stark geändert und die Raz wird dafür nicht mehr benötigt. Sie findet sicherlich einen schönen Platz im oder am Haus. Eins ist aber sicher! Ab und zu werden die "Lehmer Razejungen" den alten Brauch wieder aufleben lassen und nach alter Väter Sitte den Mist mit der Raz in den Wingert schleppen.

 

8. Bildband "Razenschau"

 

Jede Raz ist ein Unikat.
Von ihr gibt es unterschiedliche Grundformen.
Selbst beim gleichzeitigen Nachbau von Razen entstehen abweichende Formen.

(Bitte aufs Bild klicken, um die Bilderschau zu starten)

 

9. Bildband "Razenachbau"

 

Zur Auffrischung der Fertigkeiten haben die Razejungen im Zeitraum Nov. 2014 bis Jan. 2015 zwei Razen nachgebaut. Diese werden auch dringend benötigt, um das sogenannte "Mistschleppen", das etwa alle 3-4 Jahre stattfindet, durchzuführen. Dabei wird als gelebtes Brauchtum echter Rindermist in verschiedene Lehmener Weinberge getragen.

(Bitte aufs Bild klicken, um die Bilderschau zu starten)

 

 

Herstellung einer Raz (PDF, 36 Seiten)